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Was genau ist demutsvolle Führung?

Teil 2 in der Blogserie: Mit Demut zum Erfolg

Wenn man mit dem Begriff „Demut“ loszieht, merkt man, wie viele unterschiedliche Bedeutungen Menschen ihm zumessen. Für manche hat Demut etwas damit zu tun, zu verstehen, dass es etwas Größeres als einen selbst gibt. Für andere hat Demut etwas mit Unterwürfigkeit zu tun. Für manche bedeutet Demut, die eigenen Fähigkeiten in Perspektive zu setzen, für andere wiederum, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen und zu bescheiden zu sein.

Was passiert bei Ihnen, wenn Sie das Wort „Demut“ lesen oder hören? Ist es positiv konnotiert? Negativ? Mit Stärke oder mit Schwachheit verbunden? Mit Ihnen selbst, oder nur mit anderen? Mit Religion?

Vom Semantischen her besteht Demut aus zwei althochdeutschen Begriffen: dionōn, was für „dienen“ steht, und muot, was „Mut“ bedeutet. Für viele liegt der Fokus bei Demut allerdings weniger auf dem Mut als auf dem unterwürfigen Dienen.
 

Die Geschichte des Konzepts Demut

Lassen Sie mich deswegen kurz auf die Geschichte des Konzeptes Demut eingehen.

Fangen wir bei den Chinesen an. Für die war Demut nichts anderes als Mäßigung, Klugheit und gute Führung. 600 Jahre vor Christus schrieb der Philosoph Lao Tzu politisch schlau zum Thema:

Warum führt das Meer die Ströme, die Ströme die Flüsse, die Flüsse die Quellen? Weil sie niedriger sind als jene. Darum: Um über das Volk erhaben zu sein, muss man sich darunter stellen. Um dem Volk voran zu gehen, muss man sich dahinter stellen. Darum ist der Weise erhaben, ohne das Volk zu bedrücken, führend, ohne dem Volk zu schaden.“

Rund 300 Jahre später betonte dann der Philosoph Xunzi, dass eine erfolgreiche Führungspersönlichkeit „stark, aber nicht brutal; demütig, aber nicht minderwertig“ sein solle.

Das heißt, schon bei den Chinesen ging es bei Demut nicht darum, schwach zu sein oder sein Licht unter den Scheffel zu stellen, sondern darum, sich richtig einzuschätzen, nicht autokratisch zu führen, sondern einen Weg zu finden, der größeren Sache – hier dem Volke zu dienen.

Auch bei den Griechen war es klar, dass es bei Demut nicht um Schwäche oder Obrigkeitshörigkeit ging, sondern darum, sich in all den eigenen Facetten zu sehen. Auch mit den eigenen Stärken. Zwar war der Satz „Erkenne Dich selbst“, der seit circa 450 vor Christus auf den Säulen des Apollon-Tempels in Delphi stand, erst darauf ausgerichtet, dass wir unsere Begrenzungen, also unsere Schwächen erkennen sollten. Das änderte sich aber so ungefähr ab Platon, der das Thema der menschlichen Entwicklung betonte. Wir können und sollen auf dem aufbauen, was wir im Moment haben. Das heißt, als Mensch soll ich nicht nur erkennen, was mir fehlt und daran arbeiten, sondern auch wahrnehmen, was es ist, das ich jetzt schon habe, was ich jetzt schon kann.

Kernelement von Demut wurde daher das wache und kluge Wahrnehmen dessen, was wirklich ist. Und sich nicht täuschen zu lassen. Von sich selbst oder von anderen.

Platons Zeitgenosse Xenophon ging noch einen Schritt weiter. Er sah Demut als eine Kerntugend, die alle anderen Tugenden erst zum Glänzen bringt. Er nutzt das Beispiel eines Schlachtrosses, dessen Kraft und Stärke erst dadurch zur Entfaltung kommt, dass es unter Kontrolle ist. Unter der Kontrolle von Demut. Da sei der Mensch nicht anders. Ohne Demut sind auch seine anderen Tugenden nicht viel wert.

Aristoteles rundet das Ganze mit dem Prinzip der Mäßigung ab. Besser sei es immer, das Extreme zu meiden und eine Mittelposition einzunehmen. Das heißt, kein übermäßiges Selbstvertrauen, aber auch keine Minderwertigkeit, kein überstarkes Ego, aber eben auch kein zu schwaches Ego. In der Mitte liegt die Demut.

Der Buddhismus sieht in Demut gar eine notwendige Bedingung für die Erleuchtung: Ich muss das eigene Selbst, das eigene Ego ja überhaupt erst erkennen, um es loslassen zu können.
 

Demut wird negativ

So waren es erst die monotheistischen Religionen, die Demut in Bezug zu einer starken Autorität setzten. Zuvor ging es bei Demut um den Menschen, um das Volk, nun ging es bei Demut um das Verhältnis zu Gott und zur Kirche.

Der Mensch sollte seine niedere und mindere Position vor Gott akzeptieren und sich ihm und der Kirche beugen. Keinesfalls sollte er sich auflehnen oder zu viel von sich halten. Das eigenständige Denken, der Mut aus dem deutschen Begriff Demut wurde erst einmal in keiner der Glaubensrichtungen groß betont. Mutig gegen Gott zu sein, den Menschen vor sich, Gott oder der Kirche in seinen Stärken zu vertreten, war absolut kein Fokus.

Und so war es kein Wunder, dass folglich Philosophen wie Nietzsche das Konzept der Demut verdammten. Er schmähte Demut als Sklavenmoral für einen sich krümmenden Wurm. Demut gehöre „zu den gefährlichen, verleumderischen Idealen, hinter denen sich Feigheit und Schwäche, daher auch Ergebung in Gott verstecken“. Da sei es an der Zeit, dass der Übermensch komme – dann würde wahrlich niemand mehr Demut brauchen.

Diese Verdammung wurde von anderen Denkern übernommen, die Demut als ein „sich klein machen“ sehen und auch etwas Kriecherisches darin sehen. Erinnern Sie sich an Uriah Heep aus „David Copperfield“ von Charles Dickens? Dieser Uriah Heep betont, dass er demütig sei – „very humble, sir“ und ist doch nur ein widerlicher Charakter, der Demut vor sich herträgt wie ein großes Schild, um hintenrum Bösartiges zu tun.
 

Das Bild der Demut wandelt sich

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild von Demut allerdings stark gewandelt. Nun hat Demut etwas mit Augenmaß, Selbsterkenntnis und auch mit Selbstwert zu tun. Da passt das englische Wort „humility“ gut, das wie das Wort für Mensch „human“ vom lateinischen Wort „humus“ für „Erde“ abstammt. So hat es etwas mit Erde und Erdung zu tun. Und geerdet ist man, wenn man sich nicht für etwas Höheres hält, als man ist. Wer geerdet ist, macht sich aber auch nicht zu Matsch.

Der amerikanische Philosophieprofessor Robert Solomon vergleicht Demut mit einer Rede bei einer Filmverleihung. Arroganz und falschen Stolz soll man meiden. Aber Selbstkasteiung sei auch falsch. „Demut muss nicht erbärmlich sein; sie ist oft nicht mehr als eine realistische Einschätzung des eigenen Beitrags und die Anerkennung des Beitrags anderer.“

Der britische Rabbi Jonathan Sacks sieht Demut als eine Wertschätzung seiner selbst, seiner Talente, Fähigkeiten und Tugenden. Ebenso als eine Wertschätzung anderer, sowie als eine Offenheit gegenüber der Welt.
 

Demut und Management

Und da kommen wir schon zum Thema Management und Demut. Seit ca. 2011 haben sich Forscher der Definition angenommen und sich mehr oder minder auf folgende Elemente von Demut geeinigt. Demut zeigt derjenige, der:

  1. Bereit ist, sich selbst zutreffend einzuschätzen. Das gilt für die Schwächen wie auch die Stärken. Der auch bereit ist, die eigenen Stärken und Schwächen zu zeigen, wo es für das größere Ganze sinnvoll ist.
  2. Offen Wertschätzung zeigt für die Stärken und Beiträge anderer.
  3. Immer lernbereit und offen ist.
  4. Und der versteht, dass er nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen ist. Der also um seine Endlichkeit weiß, der weiß, dass er leicht ersetzbar ist und dass immer Umstände und Glück eine Rolle spielen.

Nun die Frage an Sie: Kaufen Sie diese Definition von Demut? Können Sie damit leben?

In meiner Forschung habe ich Hunderte von Führungskräften gefragt, was ihr Verständnis von Demut ist. Wenn man sich die Wortwolken ansieht, die aus diesen Aussagen hervorgehen, so passt die Definition der Forscher ziemlich gut mit dem zusammen, was Führungskräfte nach etwas Nachdenken in der Demut sehen. Da geht es um Stärken, Schwächen, Respekt, Augenhöhe, offen sein, das Größere sehen, Dinge generell auch annehmen.

Und so bleibt dies nun die Definition, mit der wir arbeiten wollen. Und griffig machte sie aus meiner Sicht einer meiner Interviewpartner, als er sagte: „Neulich hat jemand über einen Schauspieler gesagt: Er nimmt die Zuschauer ernst und sich selbst nicht so wichtig. Übertragen auf demütige Führungskräfte: Sie nehmen die Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden sehr ernst und sich selbst nicht so wichtig.“

Ich wünsche Ihnen einen demutvollen Tag.

Mehr zum Thema Demut im Management, untermauert mit vielen Ergebnissen aus der Forschung, können Sie ab sofort in meinem neuen Buch „Mit Demut zum Erfolg“ (erschienen im Springer Gabler Verlag) lesen. Die englische Version wird später im Jahr folgen. Wollen Sie durch eine Teilnahme an einer der Studien oder durch ein Interview zur Forschung beitragen, die dann in die englische Version des Buches aufgenommen wird, dann melden Sie sich bitte bei mir.