Sind Sie noch eine Dämmernelke oder loben Sie schon?

Wer eine gute Führungskraft sein will, bekommt von Forschung und Umfragen den klaren Auftrag, links und rechts Anerkennung zu verteilen. Der traurige Status quo ist aber: Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter fühlt sich vom Chef nicht anerkannt für das was sie tut.[1]

Dabei zeigt die Forschung: 81 Prozent aller befragten Angestellten arbeiten motivierter nach einem Lob des Chefs. Umgekehrt sind die Mitarbeiter allerdings selber echte Gurken: Nur 7 Prozent, der sich nach Anerkennung Sehnenden zeigen im Laufe eines Tages ihrem Chef Anerkennung. Und nur 10 Prozent ihren Kollegen.[2]

Daher mein Appell an Sie: Lernen Sie endlich, wie man andere richtig anerkennt!

Was brauchen Sie dazu? Eigentlich nichts. Nur das Eine: „Hören Sie auf, eine Dämmernelke zu sein!“

Was sind Dämmernelken?

Ein Beispiel: In einem Seminar übten die Teilnehmer Präsenz und Auftreten. Der Auftrag: Eine kurze Präsentation vor den anderen Teilnehmern. Auftritt einer klugen, eigentlich wachen, im Unterricht sehr beredten Führungskraft. Ausgerechnet sie schlurfte nun gesenkten Kopfes in die Mitte des Raumes, Hände in den Hosentaschen, und begann Unklares zu murmeln. Ein echter Graus! Es folgte ein etwas freundliches Lob für den einzigen guten Satz am Ende, dann klares Feedback – und das gab ihr wohl zu denken. Eine Minute später schritt sie energiebeladen auf die Bühne, stellte sich aufrecht hin und riss mit offenen Gesten und klaren Aussagen die anderen Teilnehmer mit.

Was war passiert? Anstatt sich nur auf sich und das eigene ‚Nichtwirklichhierseinwollen‘ zu konzentrieren, war die Führungskraft aufgewacht und hatte sich auf die Zuhörer fokussiert. Sie hatte verinnerlicht, dass diese heute, hier und jetzt offene Gesten und klare Worte brauchen und hatte sie ihnen gegeben. Sie hat also erst einmal überhaupt anerkannt, dass es hier um andere Menschen geht. Andere Wesen, die sich zurecht nicht anerkannt fühlen, wenn jemand mit Händen in den Hosentaschen innerlich schon wieder runter von der Bühne rennt.

Da sein, präsent sein, wirklich an die anderen denken – das ist Anerkennung. Die Wirkung: Nach ihrem zweiten, anerkennenden Auftritt wären wir der Führungskraft bedenkenlos gefolgt.

Zweites Beispiel: Jahresendgespräch. Die Chefin fragt, wie denn das Kundenevent so lief? Der Mitarbeiter antwortet: „Super, die Teilnehmer waren sehr zufrieden!“ Daraufhin die Chefin: „Da habe ich anderes gehört, die Mitarbeiter im Team haben gesagt, dass ihr euch oft gefetzt habt.“ Schluss, vorbei! Egal, was die Chefin bei dem Mitarbeiter erreichen wollte, das Schiff ist versenkt – so behandelt, wird dieser sich kaum noch was sagen lassen.

Keine Sekunde hat die Chefin die andere Seite wirklich wahrgenommen und sich hineinversetzt, wie dieser Mitarbeiter sich fühlen würde. Es fehlte die grundsätzliche Anerkennung des anderen als Mensch, der eben nicht nur Feedbackempfangsroboter ist.

Ist die Führungskraft böse? Nein, sie ist eine Dämmernelke. Weil sie nicht einmal für eine Sekunde überlegt hat, was ihr Feedback bewirken würde. Dabei hätte sie nur kurz Anerkennung für das gelungene Event zollen müssen, bevor sie die Frage stellt: „Wie lief das mit eurem Teamprozess?“ Denn dann hätte der Mitarbeiter von Forming, Norming, Storming und Performing sprechen – oder die Chefin hätte ihn dahin führen können und gemeinsam hätten sie überlegt, was er beim nächsten Mal im Team anders machen würde.

Führen im Dämmern geht nicht, Anerkennen im Dämmern geht nicht.

Was müssen Sie also tun? Wach sein, präsent sein, Ihr sehr effizientes und daher oft faules Gehirn bewusst aufwecken, um zu überlegen, was der andere gerade braucht. Und erst dann planen, wo Sie das einbringen können, was Sie brauchen.

Was können Sie noch tun? „Erin Brockovich“ schauen – da sehen Sie Unmengen an positiven und negativen Beispielen für Anerkennung. Wer lieber liest, kann „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery lesen (https://www.dtv.de/buch/muriel-barbery-die-eleganz-des-igels-25313/). Ein wunderbares Buch darüber, wie sich Menschen durch Anerkennung öffnen lassen.

Und dann lassen Sie Ihre innere Dämmernelke im Licht der Anerkennung verschwinden!

[1] www.nbcnews.com/better/lifestyle/here-s-no-1-reason-why-employees-quit-their-jobs-ncna1020031
[2] Stocker, D., Jacobshagen, N., Krings, R., Pfister, I. B., & Semmer, N. K. (2014). Appreciative leadership and employee well-being in everyday working life. German Journal of Human Resource Management, 28(1-2), 73-95.